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Die Zwiebel der Realität

Lesedauer: 6 Minuten

Unsere Unwissenheit ist grenzenlos und ernüchternd. […] Mit jedem Schritt, den wir vorwärts machen, mit jedem Problem, das wir lösen, entdecken wir nicht nur neue und ungelöste Probleme, sondern wir entdecken auch, dass dort, wo wir auf festem und sicherem Boden zu stehen glaubten, in Wahrheit alles unsicher und im Schwanken begriffen ist.

Karl R. Popper: Lesebuch. Mohr, Tübingen 1995. S. 1

Die Unwissenheit – ein Wort, welches meiner Meinung nach eine falsche Assoziation hervorruft. Meist ist es negativ behaftet, aber

der größte Feind des Wissens ist nicht Unwissenheit, sondern die Illusion, wissend zu sein.

Stephen Hawking

Wenn wir glauben alles zu wissen, hören wir auf Fragen zu stellen und, daraus resultierend, neue Antworten zu finden. Jedoch kann die Unwissenheit als Motivation verwendet werden, um Neues herauszufinden. Im Alltag wird Unwissenheit oft auch nur in Hinsicht auf akademischen Misserfolg verwendet. Jedoch sollte man sich nicht auf das einzelne Individuum beschränken, sondern die Unwissenheit der gesamten Menschheit betrachten. Aber schauen wir uns das Ganze erst mal umgekehrt an – Was weiß die Menschheit? Wir wissen, wie man Werkzeuge baut, wir wissen, wie man kommuniziert, wir wissen, wie man Computer und Maschinen baut, und noch so einiges. Dieses Wissen verhalf uns, unser Leben, die Existenz der Menschheit, aufrechtzuerhalten, einfacher zu gestalten und voranzutreiben. Doch je intellektueller wir wurden, desto mehr wurde uns klar, dass wir weit entfernt von dem sind, alles zu wissen, wenn dies überhaupt möglich ist. “Ich weiß, dass ich nichts weiß”, das wahrscheinlich bekannteste Zitat von Sokrates ist zwar paradox, denn wenn man weiß, dass man nichts weiß, weiß man ja etwas, also kann man in dem Fall nicht nichts wissen, jedoch ist es so zu interpretieren, dass die Menschheit eine enorme Unwissenheit hat und wir nicht einmal wissen, wie viel wir nicht wissen. Die Unwissenheit ist also eine Unwissenheit an sich. Je mehr wir herausgefunden haben, je mehr Antworten wir auf Fragen entdeckt haben, desto mehr Fragen tauchten auf. Es scheint, als wäre die Suche nach Antworten eine scheinbar endlose Reise durch ein Labyrinth, man glaubt das Ende an der nächsten Ecke gefunden zu haben, jedoch wenn man diese überwindet, tauchen nur noch mehr Wege auf und das Labyrinth scheint immer größer, gigantischer und verworrener zu werden. Ob wir jemals den Ausgang finden? Und, warum wollen wir ihn überhaupt finden?

Bild von Gino Crescoli auf Pixabay

Die Sehnsucht nach Wissen kann auf unseren Überlebensdrang zurückgeführt werden, je mehr wir wussten, desto höher war die Chance zu überleben. Aber bei dieser Sehnsucht muss mehr dahinterstecken, weil wenn man sich denkt, dass man sich in der heutigen Zeit keine Sorgen mehr machen muss, ob die Beeren im Supermarkt giftig sind oder nicht, hinterfragen wir trotzdem immer weiter und weiter, wollen immer mehr wissen und herausfinden. Aber wieso? Es gibt mir das Gefühl, als wolle das Universum, dass wir dessen Geheimnisse lüften. Weil warum haben wir den Drang zu essen? Um zu überleben. Warum haben wir den Drang uns fortzupflanzen? Um unsere Spezies aufrechtzuerhalten. Mutter Natur hat das schlau gelöst und den Menschen diese Triebe gegeben. Die Evolution sorgt dafür, dass wir dann auch schlauer und schlauer werden, um noch größere Chancen haben, zu überleben. Aber die Frage ist, warum will Mutter Natur, dass wir überleben und uns weiterentwickeln, was ist der Sinn dahinter?? Es scheint als wolle das Universum wirklich, dass wir sein Geheimnis lüften, dass wir uns so viel Wissen aneignen, bis wir das Universum zur Gänze verstehen, bis wir zum Kern der Realität kommen. Oder ist die Menschheit Teil des Universums und das Universum will sich selbst verstehen und “benutzt” uns Menschen, also sich selbst, als Tool dafür? Wenn ja, warum will sich das Universum selbst verstehen? Was verbirgt sich beim Ausgang des Labyrinths? Wir wissen nicht einmal, welche Frage wir überhaupt stellen müssen, um zum Ausgang zu gelangen. Ist der Ausgang überhaupt erreichbar für uns Menschen? Gibt es überhaupt einen Ausgang? Wären wir imstande, die Antwort auf alles, wenn es diese gibt, zu verstehen? Hat unser Gehirn die Fähigkeit und Kapazität, um die Komplexität der Antwort zu erfassen? Fragen über Fragen…Und keine Antwort auf sie zu haben, fühlt sich an wie ein Loch, eine Lücke, eine Leere in seiner Seele, in seinem Sein, welches sich scheinbar nie zu füllen vermag. Warum plagt uns diese Unwissenheit so sehr? Aus biologischer Sicht löst die Unwissenheit einen Grad der Angst aus, weil es kann sich ja etwas Gefährliches dahinter verbergen. Aber ich habe das Gefühl, da steckt mehr dahinter, dass sich hinter der Überlebensstrategie des Hinterfragens, etwas Tiefgründiges verbirgt. Als wolle das Universum, dass wir dessen Geheimnis lüften. 

Bild von Willgard Krause auf Pixabay

Zum Beispiel wollen wir wissen, wie das Universum entstanden ist. Ja, durch den Urknall, aber wer oder was hat ihn ausgelöst? Was war davor? Es kann ja nichts aus nichts entstehen aber es kann auch nicht immer schon etwas da gewesen sein! Was ist überhaupt das Nichts? Leere? Schwärze? Die Abwesenheit von Etwas? Aber all dies ist ja auch etwas! Benutzen wir also das Wort Nichts, um den Raum zu beschreiben, in dem Etwas sein und sich ausbreiten kann? Oder bedeutet Nichts, dass es wirklich nichts gibt, nicht einmal Raum, in dem Etwas sein könnte? Wäre Nichts Nichts dafür dann nicht eine bessere Beschreibung? Aber wenn wir die Fähigkeit haben es zu benennen, also es Bedeutung zu geben, macht es das nicht wieder zu Etwas? Müsste das Nichts Nichts nicht etwas sein, was wortwörtlich unbeschreiblich ist? Macht allein der Gedanke an das Nichts Nichts das Nichts Nichts zu Etwas? Müsste das Nichts Nichts nicht etwas sein, was wortwörtlich unvorstellbar ist?

Um nicht zu sehr abzuschweifen, nehmen wir nochmal Bezug auf Poppers Zitat. Mit den Worten “…dass dort, wo wir auf festem und sicherem Boden zu stehen glaubten, in Wahrheit alles unsicher und im Schwanken begriffen ist”, meint er, dass wenn wir etwas Neues entdecken, kann dieser Fakt eine Sache widerlegen, die wir bereits glaubten zu wissen. Das bedeutet, dass wir nicht wissen können, ob die “Fakten”, die wir jetzt glauben zu wissen, wahr oder falsch sind. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der Globus. Damals waren die Menschen fest davon überzeugt, die Erde sei flach, später hatte man den Irrglauben widerlegt. Wie sollen wir also jemals wissen, ob sich das Universum wirklich so verhält, wie wir zu wissen glauben, dass es sich verhält? Vielleicht stellt sich einmal heraus, dass unser komplettes Weltbild Schwachsinn ist? Vielleicht nehmen unsere Sinne auch nur einen Bruchteil davon wahr, was tatsächlich existiert? UV, Gamma, Röntgenstrahlen können wir mit dem bloßen Auge ja auch nicht sehen. Vielleicht liegt die Antwort außerhalb davon, was unsere Sinne wahrnehmen können. Vielleicht muss die Frage von etwas anderem betrachtet werden, außerhalb unserer Wahrnehmung, unseres Bewusstseins, um auf die Antwort zu stoßen. Unsere Sinne sind nämlich nur auf das Umfeld zugeschnitten worden, um bestmöglich zu überleben. Müssen wir dann nicht etwas erfinden, was die Fähigkeit besitzt, außerhalb unserer Sinne zu denken, zu handeln, Wissen zu evaluieren? Vielleicht wird AI (Artificial Intelligence), also Computer, die Fähigkeit besitzen, das Rätsel zu lösen. Bis dahin wissen wir also nicht einmal, was real ist und was nicht.

Wir wissen nicht einmal, ob unsere Welt, die wir glauben zu kennen, real ist oder nicht. Vielleicht ist alles, was wir kennen, nur eine Computersimulation? Woher sollen wir wissen, dass alles, was wir kennen und uns bekannt, wirklich real ist? Mathematisch gesehen gibt es eine 50%ige Chance , dass wir eine Simulation sind. Abgesehen davon, wir besitzen bereits die Fähigkeit, Computersimulationen zu kreieren, also warum sollen höhere Wesen das nicht können? Vielleicht sind unsere kreierten Simulationen irgendwann in der Lage, in ihrer simulierten Welt auch eine neue Welt zu simulieren und diese können das dann auch und die nächsten auch und immer so weiter. Wer weiß, wie oft diese Schleife schon passiert ist? Sind wir die Ersten, die Obersten in dieser Kette oder sind wir bereits die abertausendste simulierte Welt von abertausenden bereits simulierten Welten. Vielleicht ist das ein unendlicher Vorgang. Gibt uns das nicht ein Gefühl von Eingeengtheit? Ein Gefühl, als hätten wir keine Kontrolle? Was würdest du tun, wenn du herausfindest, dass du nicht real bist, dass wir nicht real sind? Würde dann nicht alles, was wir tun, belanglos sein, alles, was du tust, hätte keinen Sinn?

So what? Even if I’m not real, this moment is. Right here, right now, this moment is real

Buddy, (Film: Free Guy)

Mit seinen weisen Worten hilft er, mit dem Simulations-Gedanken umzugehen. Auch wenn wir nicht real sind, der Moment ist es. Du siehst ihn, du spürst ihn, du nimmst ihn wahr. Ist das nicht ein beruhigender Gedanke? Mildert er nicht ein bisschen die Plage dieser Unwissenheit? Das soll jeder für sich selbst entscheiden.

Ob wir jedoch jemals zum Kern der Realität gelangen, ist eine Unwissenheit an sich. In der Zwischenzeit müssen wir uns wohl Schicht für Schicht bis zum Kern der Wahrheit hinunterhanteln. Ob die ganze Zwiebel der Realität dann doch unendliche Schichten hat und wir für immer verdammt sind, unwissend zu bleiben, werden wir wohl nur dann herausfinden, wenn wir es tatsächlich schaffen, zum Kern des vollkommenen Wissens zu gelangen…

Nichtsdestotrotz,

the universe is under no obligation to make sense to you…

Neil deGrasse Tyson, astrophysicist

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Vanessa

Von Vanessa

Hi there!

I’m Vanessa, a passionate athlete. (Volleyball)
I also love reading and writing, which is why I aim to be a journalist.

upcoming graduate

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