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Philolympics: Platz 1 đŸ„‡Â 

Lesedauer: 4 Minuten

Die moderne Nachrichtenlandschaft und der Schein von IndividualitÀt

Ausgangszitat:

Die diskursive RationalitĂ€t wird heute auch durch die Affektkommunikation bedroht. Wir lassen uns zu sehr von schnell aufeinander folgenden Informationen affizieren. Affekte sind schneller als RationalitĂ€t. In einer Affektkommunikation setzen sich nicht bessere Argumente, sondern Informationen mit grĂ¶ĂŸerem Erregungspotenzial durch.
So generieren Fake News mehr Aufmerksamkeit als Tatsachen. Ein einziger Tweet, der Fake News oder ein kontextualisiertes Informationsfragment enthĂ€lt, ist womöglich wirkungsvoller als ein begrĂŒndetes Argument.

Byung-Chul Han: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. Matthes & Seitz: Berlin. 2021, S. 31

Du stehst ganz vorne. Du bist der Mittelpunkt. Du, der Meinungsmacher. Dein Feed. Deine Freiheit.

So oder so Ă€hnlich könnte der Pitch fĂŒr die meisten sozialen Medien lauten. Die auf Austausch spezialisierten Sprösslinge des Zeitalters des Plattformkapitalismus stellen das Individuum und damit einhergehend sein Verlangen nach Anerkennung und Selbstverwirklichung, ganz in den Mittelpunkt der Unternehmensphilosophie. Plattformen wie Twitter, Reddit, Facebook, Instagram und TikTok akkumulieren das Kunde-Ware Gemisch, was auch allgemein hin als „Nutzer“ bekannt ist, durch das Versprechen der Kommunikation, aber auch noch vieles mehr, wie zum Beispiel Gemeinschaft und Information. Durch die viele Nutzung dieser Plattformen und ihrer weiten Verbreitung werden diese immer hĂ€ufiger als „Digital Town Square“ bezeichnet, also als ein digitaler Stadtplatz, wo alle Personen Zugriff haben, sich Gehör verschaffen können und das Zentrum des öffentlichen Lebens sind. Aber nicht nur die Nutzer sind hier aufzufinden, sondern auch öffentliche Institutionen wie Ministerien, das ORF und Polizeistationen, oder auch international agierende, private Unternehmen wie Apple oder McDonalds. Doch die Annahme des „Digital Town Square“ und die Versprechen der Konzerne hinter den Plattformen ist zur GĂ€nze falsch. Sie fördern Falschmeldungen und die Emotionalisierung von Diskussionen, profitieren von ihnen auch noch und das mit dem fadenscheinigen Schein der IndividualitĂ€t. 

“Twitter needs to become by far the most accurate source of information about the world. That’s our mission.”

… schreibt Elon Musk am 6. November 2022, nach seiner Akquirierung des Kurznachrichtendienstes Twitter. So formuliert der nun alleinige Besitzer der Plattform eines seiner Ziele fĂŒr das Unternehmen nach seiner Übernahme, dabei ist Twitter berĂŒchtigt dafĂŒr, dass die öffentlichen Unterhaltungen dort auf 280 Zeichen beschrĂ€nkt sind. Diese Limitiertheit von Möglichkeiten, sich auszudrĂŒcken, steht in einem intrinsischen Konflikt mit seinem vermeintlichen Ziel von Akkuratheit. Oftmals in der Vergangenheit wurde Twitter dafĂŒr kritisiert, dass die Diskussionen auf ihrer Plattform zu einer GefĂŒhlsschlacht verkommen wĂŒrden, wofĂŒr die eingebauten Mechanismen der Seite schuld seien. Außerdem besitzt dieses Unternehmen keineswegs das Anliegen, einen neutralen Raum zu schaffen, in dem alle gleich behandelt werden. Es ist bewiesen, dass konservative und rechte Nachrichtenformate von Twitter bevorzugt werden. Auch ist es das Ziel Twitters, wie auch das jedes anderen profitorientierten Unternehmens, möglichst große UmsĂ€tze zu generieren. Das gelingt durch Werbetreibende, jene die Plattform bezahlen und durch den Verkauf von Nutzerdaten. In jedem Fall ist der Nutzer die Ware und seine Zeit, wie auch sein Engagement, der Rohstoff, welches das Boot ĂŒber Wasser hĂ€lt. Also stellt ein aufgeregter Benutzende, der viel interagiert, etwas sehr Wertvolles dar und das artifizielle Erregen seiner Emotionen eine perfide Taktik dafĂŒr. Also liegt es keineswegs im Interesse der Plattform, akkurat zu sein oder sich neutral zu verhalten, wie es ein Town Square idealerweise wĂ€re. Aber der Glaube daran und das GefĂŒhl, es sei so, ist viel wichtiger geworden als die Wahrheit.      

“The average American (…) does not think crime is down, does not think they are safer.”
“But it is, we are safer and it is down.”
“No, that’s your view. And what I said is also a fact.”  

… diskutieren der Politiker Newt Gingrich und einer Interviewerin auf CNN, wĂ€hrend dem Parteitag 2016 der Republikanischen Partei, in Bezug darauf, dass statistisch die KriminalitĂ€tsrate weniger wird, wohingegen aber von Trump das Gegenteil behauptet wird.

Dieses Interview zeichnet den symbolischen Tod der faktenbasierten Diskussionskultur. Die Interviewerin bezieht sich in diesem GesprĂ€ch auf die FBI Statistiken, also die Fakten, was aber kategorisch vom Politiker abgelehnt wird. Die Strategie – was die Menschen fĂŒhlen, ist auch RealitĂ€t – also werden wir fĂŒr ihre Empfindungen auch Wahlkampfversprechen machen, egal ob richtig oder falsch. Diese Taktik wird konsequent wĂ€hrend des ganzen Wahlkampfes 2016 fortgefĂŒhrt. Kein Einknicken vor ihren Zahlen und Statistiken ist die Devise. Dieses Vorgehen resultiert in einem Wahlerfolg von Donald Trump, der daraufhin prompt behauptet, dass dieser Erfolg historisch sei und er das beste Ergebnis seit Ronald Reagan in den 1980er Jahren. Eine LĂŒge, die sich innerhalb von Sekunden prĂŒfen lassen wĂŒrde. Anstatt auf echt umsetzbare und realistische Versprechen zu setzen, geht es darum ein vages GefĂŒhl von Angst und Hilflosigkeit in den WĂ€hlern zu erzeugen, die sich oftmals selbst in einer prekĂ€ren ökonomischen Situation befinden, welche nur durch den starken und innovativen Mann an der Spitze Abhilfe gefunden werden kann. Diese Strategie kann als Grundstein fĂŒr den versuchten Sturz der amerikanischen Demokratie am 6.1.2021 festgelegt werden und ist heute vielleicht noch viel potenter durch die Vielzahl an Verschwörungstheorien und multiplen Krisen auf der Welt. 

Der öffentlich zur Schau gestellte Zerfall der argumentativen Diskussion fĂ€llt in ein perfektes Zeitfenster aus ökonomischen und KlimaĂ€ngsten beziehungsweise einer großen gesellschaftlichen Verunsicherung. Die Zeiten des Aufschwungs sind vorbei und an ihrer Stelle springt eine revitalisierte faschistische Rhetorik, basierend auf gefĂŒhlten Wahrheiten und schon gefundenen Schuldnern. Diese Lage wird ausgenutzt und versucht, von ihr zu profitieren. Manche erzielen dies, indem sie ein lukratives GeschĂ€ft daraus machen, welches Leuten erleichtert, der RealitĂ€t zu entfliehen und einen Schein von individueller Vollkommenheit im digitalen Raum aufrechtzuerhalten. GlĂŒckseligkeit in Form von der Kreation einer Blase aus den immer selben Meinungen um einen herum. Andere profitieren wiederum mit dem gezielten Aufstacheln von erregten Emotionen, was die Gezielten dazu verleitet, sich auch nicht den Problemen in realer Form zu widmen und dazu fĂŒhrt, dass man als die Hauptware besonders gut ausgeschlachtet werden kann. Diese UmstĂ€nde sind in einem Kontext der immer schnelleren Verbreitung von Information und Missinformation zu einer hinab fĂŒhrenden Spindeltreppe geworden, bei der diejenigen, welche als einzige hinaufsteigen, nicht das Beste im Sinne der Entfaltung des Individuums im Kopf haben. Sondern fĂŒr sie ist es das Einfachste, wenn eine große Masse gleicher Meinung bleibt, auch wenn es den Anschein von persönlichen und individuell GeprĂ€gtem vortĂ€uscht. Eine große Gruppe, die ĂŒbers Gendern mit hitziger Sprache diskutiert, macht sich nur unterbewusst ĂŒber die Stagnation der Reallöhne Sorgen oder Verwahrlosung des begrĂŒndeten Arguments.

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