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Psychologie & Mindset Veranstaltungen

Philolympics: Platz 2 đŸ„ˆ

Lesedauer: 4 Minuten

Ausgangszitat:

Die diskursive RationalitĂ€t wird heute auch durch die Affektkommunikation bedroht. Wir lassen uns zu sehr von schnell aufeinander folgenden Informationen affizieren. Affekte sind schneller als RationalitĂ€t. In einer Affektkommunikation setzen sich nicht bessere Argumente, sondern Informationen mit grĂ¶ĂŸerem Erregungspotenzial durch.

So generieren Fake News mehr Aufmerksamkeit als Tatsachen. Ein einziger Tweet, der Fake News oder ein kontextualisiertes Informationsfragment enthĂ€lt, ist womöglich wirkungsvoller als ein begrĂŒndetes Argument.

Byung-Chul Han: Infokratie. Digitalisierung und die Krise der Demokratie. Matthes & Seitz: Berlin. 2021, S. 31

Das Zitat von dem koreanisch-deutschen Philosophen Byung-Chul Han, beschreibt die Digitalisierung unserer heutigen Gesellschaft und die Gefahren, welche mit diesem Überfluss an leicht zugĂ€nglichen Informationen einhergehen. In diesem Zitat wird außerdem unterschwellig das Zusammenwirken von FĂŒhlen und Denken thematisiert.

Mit seinem Zitat spricht Byung-Chul Han die ReizĂŒberflutung und deren Wirkung auf unsere Psyche beziehungsweise unsere Entscheidungsfindung an. Er hebt klar hervor, wie Affektkommunikation unsere klare Lösungsfindung beziehungsweise allgemeine RationalitĂ€t beeinflusst. Um diese Aussage zu analysieren, ist es von Vorteil, sich die VerĂ€nderung in Sachen Medien und Nachrichtenverbreitung anzusehen. Computer-Experte Tim Berners-Lee erfand das Internet, um jedem Menschen freien Zugang zu Informationen und Wissen zu geben. 1991 wurde die erste Website in das World Wide Web hochgeladen und plötzlich war nichts mehr wie es war. Die Möglichkeiten waren grenzenlos und wurden immer grenzenloser, wir gingen von Nachrichten auf Papier zu Nachrichten auf einem Bildschirm, von Nachrichten in Schwarz und Weiß zu immer kĂŒrzeren Nachrichten in Farbe und so scharf gestochener QualitĂ€t, dass manchmal selbst die RealitĂ€t enttĂ€uscht. Ach ja, die RealitĂ€t, mit ihren fehlenden Neonfarben, Spezialeffekten und Schönheitsfiltern, die Mamas Haut wieder aussehen lĂ€sst wie vor 20 Jahren, als es all das noch nicht gab. Viel zu bieten hat die Welt außerhalb des World Wide Webs ja nicht mehr. 

Die Fortschritte, die in Sachen Digitalisierung gemacht wurden, blieben nicht lange Fortschritte, immer bessere Modelle kamen auf den Markt, Computer wurden schneller, besser, sie wurden kleiner, so klein, dass wir sie heute in unserer Hosentasche immer mit uns herumtragen können. BĂŒcher? Wer schleppt noch schwere WĂ€lzer mit sich, wenn jeder alles auf einem kleinen Bildschirm immer auf Knopfdruck bei sich haben kann?

Innerhalb weniger als einer Generation entwickelte sich unsere Gesellschaft digital so weit fort, dass es heute kaum noch vorstellbar ist, ohne unsere kleinen digitalen Helfer zu leben. Ein Leben vor dem Handy? Gab es das ĂŒberhaupt? Manche wenige erinnern sich noch daran. Generation X oder vielleicht sogar die Boomer. Doch selbst die stĂ€rksten Gegner und Verweigerer der Digitalisierung werden langsam aber stetig in den Bann der leuchtenden Bildschirme, kurzen Videos und hoch aufgelösten Bilder gezogen. Ein Leben ohne Bildschirm? Nicht vorstellbar. 

Doch was macht diese ReizĂŒberflutung eigentlich mit uns? Wir sind so fokussiert auf schnelle, leicht zu verarbeitende Informationen, dass manchmal die Richtigkeit dieser Informationen untergeht. Wie von Byung-Chul Han angesprochen stehen die Affekte, sprich die Emotionen und GefĂŒhle bei der Informationsaufnahmen und Verarbeitung heutzutage im Vordergrund und schrĂ€nken so unsere RationalitĂ€t ein. Ganz nach dem Motto: Nachrichten mĂŒssen aufregend sein, nicht unbedingt korrekt. Wir suchen immer nach diesem Nervenkitzel in den Nachrichten. Es fĂ€llt uns schwerer und schwerer, eine gute, lange Aufmerksamkeitsphase aufrechtzuerhalten, da die Medien, welche wir konsumieren, kĂŒrzere und kĂŒrzere Aufmerksamkeitsspannen verlangen. Im Moment, wenn man beispielsweise durch TikTok scrollt, scheint dies nicht ein großes Problem zu sein, es macht Spaß und bei dem Andrang an Informationen ist keine Zeit, um an irgendetwas anderes zu denken. Diese Gedankenvernebelung ist oft genau der gewĂŒnschte Effekt, um die Probleme zu vergessen und sich nicht mit den eigenen GefĂŒhlen auseinandersetzen zu mĂŒssen. Doch wenn man dann vor dem aufgedrehten Fernseher sitzt, seine Lieblingsserie schaut, wĂ€hrenddessen seinen Laptop neben sich stehen hat, um an der VWA weiterzuarbeiten und in einer Hand sein Handy umklammert, um einer Freundin vom Erlebten zu erzĂ€hlt, wird diese, im Zitat angesprochene, ReizĂŒberflutung groß genug, um zu realisieren, dass man möglicherweise ein Problem haben könnte. Fokus und Aufmerksamkeit geht in Affektlogik leider unter und oft kriegen wir von unseren Eltern zu hören “Damals war alles einfacher”. Wenn man genau darĂŒber nachdenkt und, ganz ohne den Drang nachzugeben, seinen Eltern zu widersprechen, diese Aussage analysiert, muss man sich eingestehen, dass wir durch diese stĂ€ndige Bombardierung an Informationen kaum mehr einen klaren Gedanken fassen können. Cybermobbing gab es vor 20 Jahren natĂŒrlich auch noch nicht. Nun könnte man argumentieren, dass es andere Formen von Mobbing gab, Kinder in der Schule von ihren Mobbern an den Haaren gezogen, ausgeschlossen oder verbal beleidigt wurden. Und das ist unbestreitbar auch eine Art von Mobbing, doch der Unterschied zwischen damals und heute liegt darin, dass die Mobbingopfer ihre Mobber hinter sich lassen konnten. Sie konnten gehen, die Schule hinter sich lassen, sich zurĂŒckziehen und die Qualen vom Vormittag hinter sich lassen. Vergleicht man diese Situation nun mit der heutigen Zeit, ist dies kaum mehr vorstellbar. Mobber folgen ihren Opfern ĂŒberall hin und das Tor zu ihnen, tragen wir immer bei uns in der Hosentasche. Instagram, Snapchat, WhatsApp und Twitter jetzt gibt es kein Entkommen mehr. Du gehst nach Hause, öffnest dein Handy oder Laptop und damit ein Tor zu deinem Peiniger. Die Qualen gehen weiter, der einzige Unterschied, du wirst in deinen eigenen vier WĂ€nden attackiert. Dies ist ganz klar ein Nachteil der Digitalisierung, der stĂ€ndigen Bereitschaft online. 

Um MissverstĂ€ndnissen entgegenzuwirken, ich bin kein Gegner der Digitalisierung, nur gebe ich zu bedenken, dass diese Digitalisierung Auswirkungen auf unsere Gesellschaft hat. Verschwörungstheorien, Fake News, stetige ReizĂŒberflutung und Cybermobbing sind alles Dinge, denen wir entgegenwirken können und mĂŒssen. Wir dĂŒrfen uns nicht voll und ganz auf unsere kleinen Bildschirme verlassen. Es ist wichtig, dass wir uns trotz der vielen verschiedenen Quellen und Informationen, welche uns zur VerfĂŒgung stehen, trotzdem unsere eigene Meinung bilden und wir uns nicht von schnellen Bildern, mit hoher Auflösung und Videos unterlegt mit guter Musik verblenden lassen. “Hey Siri, wie funktioniert die Welt?”, wird uns nicht immer weiterbringen, sondern viel mehr als Gesellschaft ins UnglĂŒck stĂŒrzen, wenn wir unser Gehirn nicht einschalten, um Wissen gut anzuwenden und auf gute Lösungen zu kommen. Dieser gigantische Pool an Informationen, welcher uns frei zur VerfĂŒgung steht, bietet unglaubliche Möglichkeiten, wir mĂŒssen nur lernen zu bewerten, welche dieser Informationen unsere Zeit wert sind und welche nicht.

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